Leseprobe

[ Prolog / 1001 ] -------------------------------------------------------------------------------------------------

Die rettende Botschaft an die nachkommenden Generationen war fast fertig. Bernikoff hatte nur noch wenige, aber entscheidende Hinweise hinzuzufügen. Also machte er sich am Morgen des 2. Mai noch einmal auf den gefährlichen Weg, um die Botschaft zu komplettieren. Nicht seine Wunde am Arm, nicht die Sirenen, die einen neuen Luftangriff ankündigten, konnten ihn davon abhalten. Im Gegenteil. Bernikoff wartete, bis sich der bedrohlich singende Ton über die Stadt erhob wie ein riesiger Greifvogel und Besitz von ihr und den Menschen nahm. Vom Fenster seiner Souterrain-Wohnung aus schaute er zu, wie die Frauen und Kinder der Nachbarschaft in die wenigen noch intakten Keller der Straße verschwanden. Dann nahm er die drei kräftigen Pinsel und die Eimer mit den besonders gemischten Farben und eilte hinaus. Er schloss die drei Türschlösser ab, versteckte die drei Schlüssel wie immer hinter dem Ziegelstein, den man aus der Mauer ziehen und zurückstecken konnte, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wenn man ihn erwischen sollte, wollte Bernikoff keine Schlüssel bei sich tragen. Nichts sollte auf seine Wohnung hinweisen. Nichts auf die Kammer hinter seiner Wohnung. Das, was dort verborgen war, durfte niemandem in die Hände fallen. Noch nicht. Noch war die Zeit nicht reif und erst recht nicht waren es die Menschen.

Der Alarm peinigte die Stadt. Die Straßen, die Häuser. Das Heulen der unzähligen Sirenen durchdrang jede Mauer, jeden Schutz. Bernikoff wusste das. Er wusste alles über Schall und Wellen und ihre Wirkung. Genau das war das Wissen, das er den Menschen mitteilen musste. Behutsam. Ein Wissen, das in Zukunft alle Kriege verhindern könnte.

So dachte Bernikoff. Das war das Geheimnis, das er in seiner Kammer entschlüsselt hatte. Schall. Wellen. Energie. Frequenzen ... Es hatte genau damit zu tun.

Uni-versum – dachte Bernikoff. ‚Universum’, heißt das nicht ‚ein Lied’? Wenn die Sirenen auf den Dächern doch nur auch ein wunderschönes, ein lockendes Lied singen würden; wie bei Odysseus. Aber es war das Lied der Angst, des Todes und der Zerstörung. Das Lied, vor dem die Menschen sich am meisten fürchteten und das ihre Leben und ihre Lieben zerstörte.

Bernikoff stoppte abrupt. Patrouillen waren unterwegs, die jeden, der sich noch auf den Straßen zeigte, in die Bunker trieben. Sie machten keine Ausnahmen, und sie durften ihn unter keinen Umständen entdecken. In den letzten Tagen waren Menschen schon für kleinere Vergehen einfach erschossen worden. Weil man glaubte, sie seien Plünderer.

Im Schatten der Ruinen huschte Bernikoff weiter; wie ein Geist. Von Dunkel zu Dunkel. Von der Dorotheenstraße bog er links ab in die Friedrichstraße. Vor den Trümmern des berühmten Wintergartens blieb er stehen. Wie oft war er hier in den letzten Jahren von den Vorstellungen der weltbesten Artisten verzaubert worden; unter der Kuppel aus tausend Sternenlichtern. Wie viele Nächte hatte er hier seinen Alltag vergessen und Inspiration und Magie getankt für den grauen, immer düsterer werdenden Alltag. Da prangte immer noch das Plakat, das für die letzte Vorstellung eines berühmten Magiers und Hypnotiseurs warb. ‚Der Große Furioso‘ fixierte vom Plakat herab die Menschen, die daran vorübergingen. Er trug den Turban eines Sikh, ein Edelstein auf seiner Stirn symbolisierte das Dritte Auge.

„Der Große Furioso – liest Ihre Gedanken und entführt Sie in eine Welt des Staunens!“ Bernikoff schaute nicht auf Furioso, sein Blick glitt zu der fast durchsichtig scheinenden jungen Frau, die hinter dem Magier abgebildet war. Ein trauriges Lächeln auf den Lippen zog Bernikoff automatisch seinen Hut noch tiefer in die Stirn. Als fürchte er, jemand könne die unglaubliche Ähnlichkeit entdecken; zwischen ihm und dem Großen Furioso.

Bernikoff schaute sich um. Menschenleer war die Straße und er stemmte das Tor zum Durchgang in den Hinterhof auf. Trümmer rieselten vom Türsturz, klackerten zu Boden. Bernikoff eilte weiter, kroch über die Berge aus zerbombten Backsteinen und gelangte schließlich in den von vier Seiten umbauten Innenhof des Gebäudes. Sein Arm schmerzte. Er musste sich vorsehen. Bernikoff öffnete eine Abdeckplatte und verschwand durch den Notausstieg in den Untergrund der Stadt. Ein letzter Blick noch zum Himmel. Er hörte das Herannahen der feindlichen Flieger. Sie kamen von Norden. Briten. Einen Moment verharrte er noch. Sah hinauf zu einem Fenster des noch intakten nördlichen Gebäudes. Er wartete. Worauf? Da! War das ein Gesicht, da hinter dem Fenster im obersten Stockwerk? Das Gesicht eines Kindes?

Bernikoff lächelte, hob die Hand, wie zum Gruß. Vom Küchenfenster des obersten Stocks sah das kleine Mädchen, wie der Mann mit den Farbeimern und Pinseln im Hinterhof in den Untergrund verschwand. Mit seinem ernsten und hellen Gesicht hatte es die Hand zum Winken erhoben. Das Kind saß in seinem Bettchen. Die Beine in metallenen Schienen gefesselt. Die Geräusche der Fliegermotoren kamen näher. Da nahmen die Hände eines Mannes das Mädchen zärtlich in die Arme.

Bernikoff stieg hinab. Hier unten unter der Stadt verstummten die Sirenen, die Motoren der feindlichen Flieger. Je tiefer er kam, desto stiller wurde es. Bernikoff liebte die Stille, die Einsamkeit. Doch an diesem Abend war er nicht allein hier unten. Das aber wusste er nicht. So sprang er von der Rampe, die zum Notausstieg führt, auf die Gleise und verschwand in der Schwärze des Tunnels, verschluckt wie von einem riesigen Schlund, in den schon lange kein Tageslicht mehr gefallen war. Vielleicht, dachte Bernikoff, war dieser Tunnel deshalb noch viel dunkler als schwarz. ‚Dunkler als schwarz’ – er nahm sich vor, die Möglichkeit dieses Gedankens zu untersuchen. Wenn der Krieg vorbei sein würde. Wenn ...

Bernikoff folgte verschiedenen Weichen und Gleisen. Er kannte den Weg durch das Gewirr nur zu genau. So oft war er ihn gelaufen in den letzten Monaten. Nachdem es ihm gelungen war, das letzte Geheimnis zu lüften und er bereit war, die Botschaft weiterzugeben. An jene, die wachen Geistes und tapferen Herzens waren. So lautete das Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte. Bernikoff war entschlossen, es zu halten. Darum hatte er diesen Ort unter der Stadt gewählt, um seine Botschaft zu veröffentlichen. Die Botschaft, die die Menschen auf ewig von jeder Tyrannei befreien und endlich zu sich selbst führen würde. Die kleine, scheinbar harmlose Bildergeschichte vom Bienenstaat ‚Abatonia’, mit der er seine Botschaft in der ‚Berliner Tageszeitung’ hatte verbreiten wollen, war auf Geheiß des Reichspropaganda- Ministeriums nach nur drei Episoden eingestellt worden. Die Geschichte von zwei einfachen Bienen, die auf eine geheime, unbewohnte Insel verschlagen wurden und dort die Welt neu erschaffen wollten; nach dem großen Sterben der Völker.

Irgendjemand war dahintergekommen, was Bernikoff wirklich hatte sagen wollen mit seinen scheinbar kindlichen und unterhaltsamen Bildern. Also war er auf die Idee mit dem Untergrund gekommen. Hätte er gewusst, dass wenige Stunden später Berlin kapitulieren würde, Bernikoff hätte sich nicht mehr in den Tunnel wagen müssen. Doch so hatte er sich anders entschieden. Aber wer wusste damals schon so genau, wie lange das Tausendjährige Reich noch dauern würde? Lichter.

Wie aus dem Nichts tauchten sie auf. Wie Augen, die plötzlich geöffnet wurden. Sie blendeten Bernikoff, schossen heran. Und vorbei. Ein Triebwagen. Die Wirbel des Fahrtwindes rissen an Bernikoffs Haaren. Er schaute dem Zug nach und löste sich aus der Nische. Dann schaltete er die Lampe ein, die er mitgenommen hatte. Er leuchtete auf die Wand des Tunnels, der hier von dem Nord-Süd-Tunnel abbog, und war zufrieden mit dem, was er sah.

Er lief dem Verlauf der Schiene folgend weiter in den Tunnel. Vorbei an den riesigen Bildern, die er an den Wänden schon hinterlassen hatte. Bernikoff bemerkte nicht den Blick, der ihm nachsah. Er hörte auch nicht die Männer, die sich kaum hundert Meter entfernt an der Decke des Nord-Süd-Tunnels zu schaffen machten. Mit Leitern waren sie an die Decke des Tunnels geklettert und befestigten seltsame Pakete. Unzählige. Verbunden mit einer Zündschnur ...

„Er ist da!“, sagte ein Kahlkopf leise, der aus dem Dunkel des Tunnels gelaufen kam. „Bernikoff?“, fragte der junge Mann, dem der Kahlkopf gemeldet hatte. An dem Revers des Jungen prangte das Parteiabzeichen der NSDAP. Die Swastika, ein Symbol, das einmal Wohlstand und Gesundheit versprochen hatte und jetzt umgekehrt der ganzen Welt den Tod brachte. Der Bote nickte und der junge Mann wandte seinen Blick zu den Arbeitern auf der Leiter. „Erledigt?“ „Erledigt!“, sagten die Männer. „Und das ist der richtige Standpunkt hier?“ „Absolut!“ Kurz darauf erschütterte eine gewaltige Explosion die Eingeweide der riesigen Stadt. Es war gut geplant. Die Menschen in den Bunkern mussten das Donnern für feindliche Bomben halten, die aus dem Himmel fielen. Sie ahnten nicht, dass es der Feind aus ihrer Mitte war. Bernikoff riss die Druckwelle aus dem nahen Tunnel zu Boden, weg von dem letzten Gemälde, das er gerade fertigstellen wollte. Er lag da, rappelte sich wieder auf. Und entdeckte, dass seine Wunde wieder aufgebrochen war. Er blutete. Noch sirrte und summte es in seinen Ohren von dem Knall, da näherte sich ein seltsames Rauschen. Bernikoff erkannte es nicht sofort, obwohl er meinte, es schon oft gehört zu haben. Aber er brachte es nicht mit dem Tunnel und der Dunkelheit in Verbindung. Fatal. Denn nicht einmal Sekunden später war es da. Das Wasser. Wie eine Wand schoss es auf Bernikoff zu. Er hatte keine Chance. Das Dynamit hatte ein Loch in die Decke des Nord-Süd-Tunnels gesprengt und aus dem Landwehrkanal ergossen sich Hunderttausende von Litern kalten Wassers. Spülten alles fort. Bernikoff. Seine Farben, seine Schmerzen, seine rettende Botschaft ... Auf immer?

Das kleine Mädchen mit den metallenen Schienen an den Beinen weinte in den Armen seines Vaters auf. Es hatte Angst. Angst vor den Fliegern und vor ihren Bomben, vor dem Feuer. Und vor den Kellern, in denen die Menschen darauf warteten, dass das Tausendjährige Reich endlich untergehen würde.

„Schschsch...“, beruhigte der Vater sie und sein Blick verharrte auf den vielen, bunten Zirkusplakaten an den Wänden des Zimmers. „Bald wird alles gut“, sagte er. „Das verspreche ich dir. Es wird alles gut.“ Dann summte er und sang das Lied vom spannenlangen Hansel und der nudeldicken Deern ...

[ Teil 1 / 1101 ] --------------------------------------------------------

Jetzt waren sie da. Und sie kamen näher. Wollten Edda und Simon noch entkommen, mussten sie da hinunter. Sofort. In das Dunkel. Das Feuchte. Das Ungewisse. Es gab keine andere Wahl. Keinen anderen Ausweg. Sie durften jetzt nicht mehr überlegen. Sie mussten handeln. Zu nah waren die Fremden schon. Die Lichtkegel ihrer Taschenlampen kreisten sie ein, wischten durch die Nacht wie lechzende Zungen auf der Suche nach einem sättigenden Fraß. Zungen von gefährlichen Monstern, dachte Simon. Sieben Monster zählte er. Ein Blick und er hatte alle Feinde im Visier. Sofort. Die vielen Shooter-Spiele, die er verbotenerweise am Computer gespielt hatte, kamen ihm dabei zugute. Aber das hier war anders. Hier stand kein heißer Kakao neben dem Monitor; neben dem Controller, mit dem er seine Feinde normalerweise einen nach dem anderen erledigen konnte. Mit dem er sein zweites, sein drittes, viertes Leben aktivieren konnte. Jetzt gab es nur ein Leben. Und das war echt. Die Feinde waren echt. Das Mädchen neben ihm war echt. Und vor allem ihre Angst war echt. So wie seine eigene. Das spürte Simon. Sekunden nur noch. Dann waren die Verfolger da.

Sieben waren es. Sieben; wie in all den Märchen. Und sie kamen von allen Seiten. Geschickt zogen sie die Kreise immer enger. So wie es Raubkatzen tun, wenn sie im Rudel jagen. Simon erinnerte sich an den Biologieunterricht. An den Film über die Jäger der Savanne. Wie sehr sehnte er sich jetzt in diesem langweiligen Unterricht zu sitzen und zuzuschauen, wie andere gejagt wurden.

„Vielleicht sind es gar keine Verfolger“, flüsterte Edda. Und verzweifelte Hoffnung klang aus ihrer Stimme. „Vielleicht gehören die Männer einfach nur zu dem Spiel. Zu der Aufgabe, die sie uns gestellt haben.“ Oder war man vielleicht nur auf der Suche nach ihnen? Aus Sorge um sie. Sie waren es schließlich, die die Regeln gebrochen hatten. Sie waren ausgeschert aus dem, was sie hätten tun sollen. Edda und Simon waren nicht dem Weg gefolgt, den alle gegangen waren. Sie waren mit Linus hierhergekommen. An diesen Ort, an dem es als Fluchtpunkt nur diesen engen Schlund in die Unterwelt gab. Vielleicht würde sich alles aufklären, wenn sie sich zu erkennen gäben?

Aber tief in ihrem Inneren wusste Edda, dass das eine trügerische Hoffnung war. Niemand hatte nach ihnen gerufen. So wie es besorgte, suchende Menschen tun würden. Und Edda war klar, dass nur Angst ihr diese Hoffnung eingeflüstert haben konnte. Wer sollte sie schon suchen lassen? Wer lässt jemanden suchen, den niemand vermisst?

Jetzt waren die ersten Verfolger so nah, dass man sie hören konnte. Nicht ihre Schritte. Nicht ihr Atmen. Kein Flüstern. Nein. Das waren Profis. Lediglich das Aufflattern von ein paar aus dem Schlaf geschreckten Vögeln konnten die Männer nicht verhindern. Oder wollten sie es nicht verhindern? Vielleicht. Vielleicht sollten Simon und Edda Angst bekommen. Damit sie aus ihrem Versteck kamen. Sich stellten. Doch was würde dann passieren? Was wollten diese Fremden? Warum hatten sie diese seltsamen Waffen? Die zwar ein Zielfernrohr aber keinen Lauf sondern etwas Antennenartiges auf der Schulterstütze montiert hatten. Was hatten Edda und Simon denn getan, dass man sie hier in dieser Nacht, an diesem unwirklichen Ort so in die Enge trieb? „Linus!“, flüsterte Edda plötzlich. „Die sind hinter Linus her. Nicht hinter uns!“ Linus hatte sie mit seinem Navigationsgerät vom Weg abgebracht und hierher geführt. Absichtlich. Erst hier hatte er ihnen eröffnet, dass er unbedingt in den Untergrund der Stadt hinabsteigen musste, weil er dort Beweise finden wollte für den Mord an seinen Eltern. „Mord?“ Edda und Simon waren ungläubig und zugleich erschrocken.

Maulfaul hatte Linus ihnen ein paar Fakten hingeworfen. Gerade genug, dass sie nicht gewusst hatten, ob er log oder fantasierte. Offiziell waren Linus’ Eltern bei einem Kurzaufenthalt in Berlin verschwunden.

Doch Linus glaubte nicht daran. Er wusste, dass sie mit der U-Bahn zu einem super wichtigen Termin unterwegs gewesen waren und hatte gerade da mit ihnen telefoniert. Doch bei diesem Termin waren die Eltern nie erschienen. Linus war fest davon überzeugt, dass ihnen im Untergrund von Berlin etwas zugestoßen war. Und Edda und Simon hatten sich angeguckt und sich gefragt, ob er sie noch alle hatte. Erst als Linus fast schon im Schwarz des engen Einstiegs verschwunden war, hatte er noch schnell erwähnt, dass man ihm schon auf den Fersen war. Und dass es nicht ungefährlich sein könnte.

„Jetzt haben wir diese Typen an der Hacke ...“ Edda zitterte vor Angst und Wut. Warum nicht aus dem Versteck treten und diesen Männern verraten, wohin Linus verschwunden war? Noch war Zeit. „Wenn die uns erwischen, werden sie uns zwingen, Linus zu verraten“, sagte Simon, als hätte er Eddas Gedanken gelesen. Und seine Stimme klang, als ob Verrat etwas war, das auf keinen Fall zur Debatte stand. Schließlich gab es noch einen Ausweg. Dieses enge Loch in die Unterwelt ... Simon merkte, wie Edda zitterte. Er griff nach ihrer Hand und spürte, wie feucht sie war und gleichzeitig warm und so vertraut, als habe er sie schon immer angefasst. Und sie ließ es geschehen. Wie unmöglich das noch vor wenigen Stunden gewesen war. Weg. Weg mit diesem Gedanken. Er konnte sich doch jetzt unmöglich Gedanken über sich und dieses Mädchen neben ihm machen! Es geht um Leben und Tod, hatte Linus als Letztes gesagt, bevor er verschwand. Die Männer waren da. Eine Entscheidung musste fallen. Jetzt. Sofort!

[ 1102 ] --------------------------------------------------------------

Nur 48 Stunden zuvor war alles noch ganz normal erschienen. Doch normal war es da auch schon längst nicht mehr. Aber wer hätte das wissen können?

Mondlos und schweigend lag die Nacht über den Zelten des Ferienlagers am Rande von Berlin. Ein Abenteuer-Camp. Für ein paar Tage Spaß haben. Die 50 Teilnehmer waren Kinder zwischen 13 und 16. Die Gewinner eines landesweiten Wettbewerbs über die Zukunft. Sie hatten ganz besondere Beiträge eingesandt. Sie schliefen tief und keines der Kinder, keiner der Betreuer schien die sieben Männer zu hören, die mit ihren seltsamen Messinstrumenten durch die Zeltstadt schlichen. Nur die winzigen Wellen vom Wannsee plätscherten leise vom Ufer her und ein paar Grillen zirpten und schwiegen, wenn die Eindringlinge ihnen zu nahe kamen. Die maskierten Männer hatten sich im Lager verteilt und schritten es strategisch ab. Kein Geräusch, keine Hektik. Sie wussten, was sie zu tun hatten. Vor jedem Zelt blieben sie stehen und schauten auf die Anzeigen ihrer Geräte. Beim letzten Zelt, auf dessen Wimpel eine 5 gemalt war, schlugen die Digitalanzeigen plötzlich heftig aus.

„Kritische Masse!“, flüsterte einer und an der Färbung seiner Stimme konnte man hören, dass er aufgeregt war. Zwei andere kamen dazu und starrten auf die tiefrote Anzeige des Messgerätes. Siebzehn Kreise! Einen solch hohen Wert hatten sie noch nie gesehen. „Eliminieren! Sofort!“, sagte einer der Männer hektisch. Ein Komplize zog die seltsame Strahlen-Waffe, die er um den Rücken geschnallt hatte, und zielte auf das Zelt. Ein Geräusch ertönte, das sich anhörte wie ein leiser, lang gezogener Pfiff. Schon bildete sich rund um das Zielobjekt ein blauer Lichtkegel, der den genauen Wirkungsbereich der Waffe zeigte. Der Mann war bereit zu feuern. „Waffe runter!“ Ein Befehl; sachlich und ohne Emotion. Ausgesprochen von dem Anführer des Trupps. Er war sofort bei seinen Leuten. Man zeigte ihm das Messergebnis. Der Anführer konnte es nicht glauben. Ruhig setzte er sein eigenes Messinstrument an und kam zu demselben, unfassbaren Ergebnis: siebzehn. Da drang aus Zelt Nummer 5 plötzlich ein Lichtkegel durch die Plane nach draußen. „Wer ist da?“, fragte die junge Stimme, in der keine Furcht zu erkennen war.

Auf eine Kopfbewegung des Anführers hin zogen sich die Männer in die Dunkelheit zurück. Geräuschlos, wie sie gekommen waren. Ohne dass je jemand von ihrer Anwesenheit erfahren hätte. Linus trat aus dem Zelt und ließ den Kegel seiner Taschenlampe über die anderen Zelte wandern. Alles schien ruhig. Linus hätte sich beruhigt wieder in seinen Schlafsack legen können. Aber Linus wäre nicht Linus, hätte er nicht vor dem Zelt einen Bereich Wiese ausgestochen und durch Sand vom Ufer des Sees ersetzt. Wie ein japanischer Zen-Meister in seinem Meditationsgarten den Kies, so hatte Linus am Abend zuvor den Sand sorgfältig glattgestrichen, als er als Letzter ins Zelt geschlüpft war. Bekloppt, hätte jeder gedacht, der zugesehen hätte. Aber Linus waren solche Kommentare egal. Er wusste, was er tat. Und er hatte recht.

Sie waren gekommen. Sie waren da. Sie waren hinter ihm her. Er sah es am Fußabdruck auf dem Sand. Grobes Stiefelprofil. Schuhgröße 45; mindestens, dachte Linus. Ein kurzer Blitz riss die Sandfläche aus dem Schwarz. Er hatte das Profil fotografiert. Schaute sich die Aufnahme an, vergrößerte und wusste Bescheid. In Gedanken bedankte er sich bei Tarik. Tarik hatte ein Faible für Kampfsport. Er hatte immer versucht, zur gsg-9 zu kommen. Ohne Chance. Was ihn aber nicht davon abhielt, sich selber zu trainieren. In den Kiesgruben um Köln herum. Ein paarmal war Linus mitgegangen und Tarik hatte ihm alles über die Wichtigkeit der richtigen Ausrüstung und Kleidung erklärt. „Es kann im Ernstfall dein Leben retten“, hatte Tarik Linus eingebläut.

Rutschfeste, abriebfeste und ölresistente Vibram-Sohle mit selbstreinigendem Profil, dachte Linus. Schnellschnürung. Raue ‚Armor- Dillo‘ Kunststoffapplikationen an der Vorder- und Innenseite, die nicht nur den Fuß schützen, sondern auch zum optimalen Grip beim Robben und Gleiten in liegender Position verhelfen. Linus kannte diesen Schuh. Tarik hatte solche. Es war der s.w.a.t. sek 9000. Besonders beliebt bei Söldnern und Spezialeinheiten. So stand es also. Er war also einer richtig großen Sache auf der Spur, dachte Linus. Sonst hätten sie nicht solche Leute geschickt. Er sah sich um und horchte. Doch er hörte nur sein Herz klopfen … Er hatte Angst im Dunkeln gehabt, solange er denken konnte. Bis vor einem Jahr. Dreizehn Jahre Angst in jeder Nacht. Wenn draußen die Straßenbahn durch das nächtliche Köln ratterte und ihr Licht die Äste der Bäume zu langen, filigranen Geschöpfen mit tastenden Fühlern werden ließ, die als Schatten über die Wände seines Zimmers huschten und versuchten, ihn in seinem Bett zu erwischen. Es nutzte nichts, wenn er die Rollläden schloss. Da hörte er immer noch die Straßenbahn und dann tauchten die Monsterinsekten in seinen Gedanken auf. Und das war noch schlimmer als sie an den Wänden krabbeln zu sehen. So ging es jede verdammte Nacht ... Dann war das Schreckliche passiert. Und er hatte sich beigebracht, nie mehr Angst zu haben. Nicht mal mehr im Dunkeln. Linus zwang sich zu heimlichen Nächten im Park. Auf dem Schrottplatz. Auf dem Friedhof. Und dann: im Zoo ... Das war das Schlimmste. Die Nacht im Insektenhaus. Linus hasste diese Krabbelviecher, die ihn so sehr an die nächtlichen Schatten erinnerten. Er hatt es erduldet. Jetzt war es vorbei mit der Angst. Nie mehr Angst! Denn Linus hatte einen Plan. Eine Mission. Und da konnte er eins ganz gewiss nicht gebrauchen: Angst. Als er weiter nichts Verdächtiges entdecken konnte, stellte sich Linus hinter sein Zelt und pinkelte in hohem Bogen ins Gras. Schwenkte hin und her. Und grinste. „Hier kommt die Sintflut, verfluchte Ameisen!“ Die sieben Männer waren zu diesem Zeitpunkt schon fast wieder an ihrem Lieferwagen angekommen. Versteckt stand er am Rande einer Lichtung. Kaum einen Kilometer entfernt vom Lager. Die Männer verstauten ihre Waffen, der Anführer telefonierte. „Kritische Masse!“, meldete er in sein Handy. „Ja. Absolut sicher. Auf allen drei Geräten. In bisher nie dagewesener Stärke.“ Er lauschte in den Hörer. „Nein“, sagte er. „Eliminieren war nicht möglich. Wir wurden gestört. Wir werden die Namen feststellen und es in den nächsten Tagen wieder versuchen. Spätestens am Teufelsberg.“ Er legte auf und kurz darauf fuhr der Wagen ohne Scheinwerfer einen Feldweg entlang durch die Nacht und Richtung Berlin davon. Linus stand vor seinem Zelt und horchte auf. Ein Motor? Sofort hatte er sein Nachtfernglas in der Hand und erfasste den Wagen. Linus war bestens ausgerüstet für dieses Camp. Denn er hatte noch so viel mehr vor, als die paar Tage im Lager zu verbringen. Deshalb musste er vorsichtig sein und auf jedes Geräusch achten. Er drehte am Schärferad seines Fernglases, bis er den silbernen Van im Fokus hatte und davonfahren sah. Er erkannte die Nummer, sprach sie sofort als Memo auf sein Handy.

Als der Wagen aus dem Fokus verschwunden war, kroch Linus wieder in sein Zelt. Aber er konnte nicht mehr schlafen. Meine Befürchtungen scheinen wahr zu werden, dachte er. Sie waren tatsächlich gekommen. Sie waren ihm also auf den Fersen. So wie seinen Eltern. Linus seufzte tief. Es war etwas anderes, ob man sich wieder und wieder vorstellte, wie etwas geschehen würde und sich im Kopf darauf vorbereitete oder ob es wirklich geschah. Linus hasste sich in diesem Moment, er hasste, dass er jung war, dass die Angst doch nie ganz verschwand, dass es immer einen Stärkeren zu geben schien und wenn es nicht einer war, dann kamen sie zu siebt. Linus atmete tief ein und wieder aus und horchte auf seinen Atem. Das beruhigte ihn.

Linus sah, dass seine Zeltgenossen tief schliefen. Edda und Simon. Dann schloss er das Zelt von innen, sodass niemand hinein konnte und schlüpfte wieder in seinen Schlafsack, der zum Glück noch warm war. Er drehte sich so, dass er Edda ansehen konnte. Noch einmal schaltete er seine Taschenlampe ein und streichelte mit dem Rand des Lichtscheins über ihr schönes Gesicht. Für einen Moment schien sie der Lampenschein an der Nase zu kitzeln. Linus lächelte und schaltete das Licht aus ... Edda. Verdammt noch mal. Warum so ein ... so ein wunderbares Mädchen jetzt und hier? Warum nicht in der Schule? Im Bus? In der Eisdiele, im Kino? Warum in dem Moment, in dem er auf der wichtigsten Mission seines Lebens war? In dem er absolut keine Ablenkung gebrauchen konnte. Gott oder das Schicksal oder wer auch immer da die Fäden in der Hand hielt, er musste ein echt böser Komiker sein, dachte Linus. Und er überlegte, ob er Edda hätte aus dem Weg gehen können. Er schüttelte den Kopf, als er an den Tag davor dachte, als er Edda kennengelernt hatte. Nein. Es war unmöglich gewesen, ihr zu entkommen ... „Was glotzt du’n so?“, fragte Edda über den Rand ihrer schnittigen Sonnenbrille.

Linus war der, der geglotzt hatte. Aber was sollte er auch anderes tun, bei einem solchen Mädchen? Glotzen war die einzige Möglichkeit. Glotzen auf die Haare, die Lippen. Die Beine. Die nackt in Stiefeln steckten. Obwohl die Sonne schien, zauberte der Herbst diese wunderbare Gänsehaut hervor, wodurch die goldenen Härchen aufstanden und im Licht glänzten ... Ja, da musste Linus eben glotzen. Auch wenn er sich bemühte, es nicht nach Glotzen aussehen zu lassen. „Glotz gar nicht. Er glotzt!“, sagte er noch und deutete, um abzulenken, auf den unbekannten Jungen neben sich. Simon. Der begriff gar nicht, worum es ging. Simon sah zu Linus, sah zu Edda. Fraglos dämlich war da für diesen Moment sein Gesichtsausdruck. Sodass sich Edda mit einem genervten „Ihr Spasten!“ von den beiden abwandte und mit ihrem Rollkoffer weiter zum großen Küchenund Verwaltungszelt holperte. Um sich anzumelden. Synchron sanken die Köpfe von Linus und Simon zur Seite, als könnten sie so der Länge von Eddas schlanken Beinen noch ein wenig weiter unter den sowieso schon kurzen Rock nachschauen. Das Seufzen, als Edda im Zelt verschwand, das konnten beide nicht verhindern. „Zicke!“, sagte Linus.

„Kannst du vergessen!“, fügte Simon hinzu, weil Einigkeit verbindet. Gerade wenn man erst 14 ist. Und erst recht, wenn es um Mädchen geht. Und da beide hier sowieso niemand anderen kannten, beschlossen sie, gemeinsam eines der Zelte zu beziehen. Die Nummer 5, die war noch frei.

Kaum etwas an diesem harmlosen, sonnigen ersten Tag im Camp hätte selbst dem geübtesten Betrachter verraten können, dass sich hier und heute eine ‚kritische Masse’ bilden würde. Eine ‚Masse’, die aus genau diesen drei Kindern bestand. Kinder, die einmal in der Lage sein würden, die ganze Welt zu verändern ... Edda, Simon und Linus.

Die größte Ironie daran war, dass genau genommen die so besondere Edda gar nicht hätte hier sein dürfen. Nur war der Wettbewerb ‚Meine, deine, unsere Zukunft‘ eine Chance gewesen, ihre miserable Deutschnote zu verbessern und so die Versetzung doch noch zu schaffen. Das hatte ihr ihre Großmutter Marie nahegelegt. Edda ließ sich darauf ein, denn vor allem war es die Chance, in der Klasse von Marco zu bleiben. Ach Marco ... Also hatte Edda getan, was sie in solchen Fällen immer tat. Sie hatte der klugen, bebrillten, bulimischen Sophie geschmeichelt; ihrer Ab-und-zu-besten-Freundin. Und wie immer hatte sie daraufhin von deren ausgeprägtem Helfersyndrom profitiert. Zehn Seiten hatte Sophie an einem Nachmittag über die Zukunft verfasst ... Ja, so nannte es Sophie. Sophie schrieb nicht einfach nur, sie verfasste. Edda hatte es ihr mit einer coolen Shoppingtour gedankt und die Arbeit einfach unter ihrem Namen abgegeben. Edda hatte keine Ahnung von der Zukunft. Behauptete sie. Wozu sollte sie an die Zukunft denken, wenn sie schon mit ihrer Gegenwart alle Hände voll zu tun hatte? An die Zukunft zu denken, würde sie wahnsinnig machen. Und erst recht hatte Edda keine Ahnung davon, was für eine Zukunft Sophie in dem Aufsatz entwickelt hatte. Edda war der Text zu kompliziert gewesen. Sie hatte Kopfschmerzen bekommen von Sophies Theorien und hätte sie gewusst, dass die nahe Zukunft und Sophies Aufsatz ihr dieses Camp einbringen würden, dann hätte Edda doch vielleicht lieber Oliver, den Streber der Klasse, für ihre Sache eingespannt. Der war nicht so originell wie Sophie. Der hätte Edda nur eine gute Note und nicht diesen dämlichen Preis mitsamt diesem noch dämlicheren Camp beschert. Und bei ihm hätte es ein kurzer, hingehauchter Wangenkuss getan und keine dreistündige Shoppingtour. Bei der Edda Sophie wie immer trösten musste, weil sie mit ihrer klapperdünnen Figur mal wieder nichts zum Anziehen fand. Sophie hatte keinen Geschmack bei Kleidern. Aber Edda hatte ihr bereitwillig alle Tricks und Shops gezeigt, die sie kannte. Sophie konnte ihr nicht gefährlich werden ... sie war eine Außenseiterin. Eigentlich wie Edda. Ach Scheiße, Edda hasste es, wenn ihre Gedanken so ins Nichts abschweiften! Das konnte Stunden dauern, dass sie dastand und vom Hölzchen aufs Stöckchen dachte wie ein Puzzle von einer weißen Wolke. Edda riss sich aus den Gedanken. Jetzt war sie hier im Camp und musste da durch. Vielleicht gab es ja auch ein paar nette Jungs hier. Nicht nur so Loser wie die beiden Glotzer eben. Obwohl der eine ...

Edda warf einen Blick in das große Organisationszelt und ging gleich rückwärts wieder hinaus. Da drängelten sich die anderen ‚Gewinner’, um Plätze in den vermeintlich guten Zelten zu bekommen. Drängeln war nichts für Edda. Das hatte sie nicht nötig. So schaute sie sich erst einmal weiter um. Lehnte sich an den Zaun, der das Lager umgab, und zündete sich eine Zigarette an. Gut taten ihr da die Blicke der wenigen anderen Mädchen. Bis die Campleiterin kam und kommentarlos Eddas Fluppe an sich nahm.

„Hier wird nicht geraucht!“ „Kiff ich eben“, sagte Edda. „Keine Chance!“ Freundlich sagte die Frau das zu Edda. Mit einer Stimme, die keinerlei Widerspruch in dieser Sache zuließ. Sie hielt nur ihre Hand auf und Edda musste ihre ganze Packung Marlboro- Light abgeben. Sie tat es, ohne zu diskutieren, wie sie es sonst gemacht hätte. Irgendwas in der Stimme der Campleiterin hatte Edda verunsichert. „Das Feuerzeug noch“, sagte die Campleiterin, die ihre dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Und Edda überreichte ihr das bunte Plastikfeuerzeugchen. Missmutig sackte sie zusammen.

„Wo ist dein Fähnlein?“, fragte die Frau. „Das was?“ Edda verstand Bahnhof. „Wo bist du untergebracht?“ „Weiß ich nicht. Noch gar nicht“, sagte Edda störrisch. „Ist mir auch egal.“ Es galt jetzt, das Ansehen bei den Beobachtern der Szene nach der Schmach mit den Zigaretten wiederzugewinnen. „Wieso bist du dann überhaupt hier?“ Edda zog die Mundwinkel herab. „Weil ich diesen Hirni-Wettbewerb gewonnen habe.“ „Hast du Heimweh?“ „Pffff“, sagte Edda abfällig. Die Campleiterin schaute auf die hochhackigen Stiefel von Edda und die lackierten Fingernägel und musste lachen.

„Ich wollte hier nur jemand kurz treffen“, log Edda. Und hasste sich gleich dafür, dass sie auf das Lachen der Campleiterin überhaupt reagiert hatte. Aber es war wie ein Reflex geworden. Edda log schnell und viel. Vielleicht, weil sich dann die Welt ein wenig besser anfühlte. Weil sie sich die Welt dann so schaffen konnte, wie es ihr gefiel und weil sie dann schneller aus ihren Träumen zurück in die Welt der anderen fand. Die Lügen waren wie eine Brücke, auf der es nicht so wehtat, dass ihr Vater so früh aus ihrem Leben verschwunden war, dass ihre Mutter irgendwo in der Klapse saß und sie bei ihrer Großmutter in der Provinz aufwachsen musste. „Ich hoffe, du hast noch ein paar andere Schuhe dabei“, sagte die Campleiterin und wollte sich schon abwenden. Aber dann spürte sie, dass Edda noch weiterreden wollte. „Wie heißt denn eigentlich dieser Jemand?“ „Marco. Marco Jörning.“ Die Campleiterin schaute auf ihre Liste mit den Namen der Teilnehmer. „Hab ich hier nicht.“ Sie blätterte noch einmal alles durch. „Ja. So schlau bin ich auch schon. Ganz herzlichen Dank!“, sagte Edda in liebreizendem Ton und mit einem Augenaufschlag, der die Lider klimpern ließ. „Wie heißt du denn?“, fragte die Campleiterin, erstaunt von dieser Vorführung. „Edda. Wilding“, sagte Edda widerwillig. Wenn Edda etwas nicht leiden konnte, dann war es ihr Name. Den fand sie passend für einen Brauereigaul, aber nicht für ein schlankes vierzehnjähriges Mädchen, das sich für Mode und Musik interessierte. „Und du?“ Die Campleiterin lachte. „Wie unhöflich von mir. Chrissie. Hallo Edda!“ „Hallo.“ Edda klang nicht sonderlich begeistert. „Also, wenn es dir egal ist, wo du schläfst, Edda, dann bist du in Zelt sechs“, bestimmte die Campleiterin und deutete auf ein weißes Zelt am Ende einer Reihe von Zelten, die sich mit bunten Wimpeln versehen in die sonnige Landschaft fügten. „Edda ... was für ein schöner und ungewöhnlicher Name“, sagte die Campleiterin noch und ging. Lächelnd und freundlich und nicht ahnend, dass Edda sie grimassierend nachmachte. Die Campleiterin war zielstrebig unterwegs zu einem Wohnmobil. Das mobile Büro der Organisation, die das Camp leitete. Die Campleiterin betrat den Wagen und schloss hinter sich ab. Dann nahm sie die Kippe, die sie Edda abgenommen hatte, und archivierte sie in einem kleinen Beutel. Auf dem Laptop steuerte sie den Namen von Edda an. Kurz darauf sprang der Drucker an und druckte ein Etikett mit Eddas Namen und einem Strichcode aus, das die Campleiterin auf den Beutel klebte. Sie legte den Beutel zu einer Menge anderer Beutel, die mit gekauten Kaugummis, benutzten Taschentüchern und Ähnlichem gefüllt waren. Alle hatten einen Namensaufkleber und einen Strichcode. Alle wurden in einem Karton aufbewahrt. Auf dem Deckel stand in kleinen gedruckten Buchstaben: gene-sys. „Wir haben die Kinder verloren!“ Tonlos klang die Stimme, die aus dem Handy hierher drang. Ein Raum wie der einer Flugüberwachung. Voller Computer, radarschirm-ähnlichen Anzeigen und unzähligen Monitoren. Darauf liefen Live-Videos aus der Stadt. Eine große, glatte Fläche mit Hologrammen und 3D-Simulationen. Sämtliche Überwachungskameras von Berlin konnten von hier aus angesteuert werden. Und doch wirkte das hier gar nicht wie eine Polizeizentrale. Ein riesiger gläserner Bildschirm zeigte den Stadtplan. Und ein Signal leuchtete dort, wo sich der Anrufer gerade aufhielt. Sechs weitere, schwächere Signale gruppierten sich um das des Anrufers. Die sieben Männer standen an dem Ort, an dem sich Simon und Edda versteckt gehalten hatten. Vor den Männern lag der Zugang zum U-Bahnnetz der Stadt. „Sie sind in den Untergrund!“, sagte der Anrufer. „Es gibt gar keine andere Möglichkeit.“

„Verstehe.“ Die Frau, die Kontakt mit dem Anrufer hatte, warf nur einen kurzen Blick auf den riesigen Stadtplan, tippte ein paar Touchscreenfunktionen an und dreidimensional tat sich auf dem gläsernen Bildschirm der Abgrund unter Berlin auf. Wie bunte Spinnennetze waren die Adern der Stadt zu erkennen. Die Verbindungen der Bahnen, die Wasserleitungen, Strom, Gas, Abwasser ... Sogar die alten Bunker aus dem Krieg waren sichtbar. Und darunter noch eine riesige Ebene, die schwach glühte, als warte sie darauf, aufgerufen zu werden. „Was sollen wir tun?“, drängelte die Stimme des Anrufers. Die Frau in der Zentrale blieb gelassen, obwohl sie kein Signal empfangen konnte. „Sie müssen sich getrennt haben. Warten Sie, bis wir die kritische Masse wieder registrieren. Bleiben Sie vor Ort.“ Der Frau war klar, dass sie nun all ihre Aufmerksamkeit auf diese Sache lenken musste. Zu groß war die Gefahr, dass die Kinder entkämen.

Die Frau wählte eine Nummer auf dem Touchscreen und ein Feld öffnete sich. Sie gab ein paar Daten ein: Beweis für das Potenzial einer ungewohnt großen ‚kritischen Masse‘. Sie nickte. Dass diese drei Kinder nicht den Weg der anderen Campteilnehmer gegangen waren, passte. Nur warum hatten sie sich abgesetzt? Hatten sie etwas geahnt? Hatte man sie vor dem Abend in der Disco gewarnt? Wenn es so war, konnte es gefährlich werden. Die gesamte Mission könnte scheitern.

Die Frau starrte auf den Screen. Von dem Standort des Anrufers führte ein Schacht tief unter die Erde und dann quer zu einer U-Bahnlinie. Ein Notausstieg offenbar.

Nervös klickte die Frau mit dem Kugelschreiber, während sie auf ein Signal aus den Eingeweiden der Stadt wartete. Ein billiger Kugelschreiber war das, mit dem sie da klickte. Ein Werbegeschenk? Auf dem Bügel waren sieben rote Buchstaben in Druckschrift zu sehen. Fast abgeschabt von ihren nervösen Fingernägeln und dennoch gut zu erkennen: gene-sys. Die Frau nahm ein Kaugummi, um sich zu beruhigen. Verdammt, wo waren die drei Kinder ...?

Die Abaton-Trilogie geht weiter. Band 2 folgt im Herbst 2012.

Christian Jeltsch, geboren 1958 in Köln, versuchte sich als Fußballspieler, im Studium der Psychologie, als Filmtechniker, als Regieassistent am Theater und beim Film. Jetzt schreibt er Drehbücher für Fernsehfilme und erhielt dafür u.a. den Adolf-Grimme-Preis.

Olaf Kraemer studierte Ethnologie und Publizistik in Berlin, war Sänger und Texter in einer Garagen-Band und arbeitete zwölf Jahre als Journalist und Übersetzer in Los Angeles. Heute lebt er als Buch- und Filmautor in München. Christian Jeltsch lernte er auf dem Spielplatz kennen. Eddas Mutter: in der Nervenklinik, Linus’ Eltern: verschollen nach einem U-Bahn-Unglück, Simons Vater: hinter Gittern. Seltsame Parallelen eröffnen sich zwischen den Protagonisten, ihren Eltern und deren Forschungsgebieten. Ein Wissenschaftler namens Bernikoff und seine Theorie des Abatons scheint etwas damit zu tun zu haben. Doch wie gehört das alles zusammen? Und wer will verhindern, dass die Helden hinter das Offensichtliche blicken?

Coverkonzept und -gestaltung: Groothuis, Lohfert, Consorten / glcons.de Innentypographie: Katerina Dolejsova, append[x] GmbH Sie sind Buchhändler und möchten von diesem Buch gerne ein Leseexemplar? Mit einer Mail an vertrieb@mixtvision.de können Sie den ersten Teil der Abaton-Trilogie als Leseexemplar bestellen.

Abaton

Vom Ende der Angst / Bd. 1 der Abaton-Trilogie Christian Jeltsch & Olaf Kraemer Jugendbuch, ab 14 Jahren ca. 400 Seiten, gebunden

[D] €16,90 / [A] €17,40 / [CH] sFr. 25,90 Erscheinungstermin: 3. Oktober 2011 ISBN 978-3-939435-38-9